LHC Status:
Modus: Strahlsetup
Injektionsenergie: 450 GeV
Teilchenart: Protonen

Einleitung

Die Forschungsschwerpunkte der Teilchenphysik beschäftigen sich mit der Erforschung der grundlegenden physikalischen Gesetze, die über die elementaren Bausteine der Materie und der Struktur von Raum und Zeit herrschen. Die Inbetriebnahme des LHC, dem Large Hadron Collider, eines der grössten und globalen wissenschaftlichen Projekte aller Zeiten, markiert einen Wendepunkt in der Teilchenphysik. Proton-Proton und Bleiionen Zusammenstösse mit einer noch nie dagewesenen Energie, könnten in den kommenden Jahren ganz neue Einblicke eröffnen und möglicherweise einige der fundamentalen Fragen der modernen Physik beantworten, wie z.B. den Ursprung der Materie, die einheitliche Behandlung der fundamentalen Kräfte, neue Formen der Materie und zusätzliche Dimensionen von Raum und Zeit.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Wissenschaftler der Meinung, die meisten fundamentalen Prinzipien der Natur verstanden zu haben. Jedoch beginnend mit Einsteins Relativitätstheorie, welche die Newtonsche Mechanik ersetzte, wurde den Wissenschaftlern klar, dass ihr Wissen weit von jeglicher Vollständigkeit entfernt war. Das spezielle Interesse galt dem wachsenden Bereich der Quantenmechanik, die die Grundlagen der Physik vollständig veränderte.
Mit Beginn der ersten Kollisionsexperimente fand man heraus, dass Atome bei weitem nicht als elementare Bausteine der Natur verstanden werden konnten, sondern dass sie aus noch kleineren Bestandteilen bestehen. Ein ganzer Teilchen-Zoo wurde durch die Kollisionsphysik entdeckt. Die Gesetzmässigkeiten dieser Teilchen blieb den Physikern aber lange Zeit ein Rätsel.
Mit der Quark-Theorie von M. Gell-Mann und G. Zweig konnten nicht nur die Gesetzmässigkeiten in diesem Teilchen-Zoo beschrieben werden, sondern auch sehr viele bis dato unbekannte Teilchen vorhergesagt werden, welche in späteren Beschleunigerexperimenten nachgewiesen werden konnten. Seit nunmehr über 30 Jahren ist dadurch schrittweise eine Theorie entstanden, die auf den Gesetzen der speziellen Relativitätstheorie und der Quantentheorie basiert, und heute als das "Standardmodell der Teilchen und Wechselwirkungen" bezeichnet wird.

Doch obwohl das Standardmodell (SM) nahezu alle bisherigen teilchenphysikalischen Beobachtungen erklären kann, reicht es nicht aus, um unsere Welt vollständig zu beschreiben. So ist es weder in der Lage die gravitative Wechselwirkung zu beschreiben, noch die drei anderen Grundkräfte (starke Wechselwirkung, schwache Wechselwirkung, elektromagnetische Kraft) in einer einzigen Theorie zu vereinen. Ausserdem folgen bestimmte freie Parameter nicht aus der Theorie selbst, sondern müssen experimentell bestimmt werden.
Ein weiteres Problem des Standardmodells ist, dass die Teilchen, welche die Theorie bisher vorhergesagt hat, eigentlich keine Masse haben dürften. Dies deckt sich aber in keinster Weise mit der Beobachtung. Alleine die Masse des Top-Quarks, entspricht fast derjenigen eines Goldatoms. Dieses schwerwiegende Problem könnte durch den Higgs-Mechanismus gelöst werden, aus dem ein weiteres hypothetisches Teilchen hervorgeht - das Higgs-Boson. Dessen genaue Masse geht allerdings nicht aus der Theorie hervor, sondern entspricht ebenfalls einem freien Parameter, welcher experimentell gemessen werden muss.

Heute existieren viele alternative Modelle, die auf dem mathematischen Fundament des Standardmodells basieren, es aber derart erweitern, dass dadurch eine Vereinigung der 3 Grundkräfte möglich wird (Grand Unification Theory). Andere Modelle unterscheiden sich, durch die Annahme zusätzlicher Dimensionen, fundamental von der Mathematik des Standardmodells, so z.B. die Stringtheorie. Doch welches Modell beschreibt die Natur am besten?

Um diese Frage zu beantworten, müssen aus einer Theorie Vorhersagen hervorgehen, welche experimentell gemessen werden können. Das Problem - viele Theorien der heutigen Teilchenphysik liefern Vorhersagen, die ausserhalb des Energiebereichs bisheriger Teilchenbeschleuniger liegen. Mit dem LHC wurde ein Beschleuniger entwickelt, mit dem die Physiker Zugang zu diesem unbekannten Energiebereich erhalten und dadurch viele Theorien bestätigt oder widerlegt werden könnten.

Was immer mit dem LHC entdeckt werden wird, die Teilchenphysik hält noch viele Überraschungen und neue Fragen bereit. Diese Erkenntnisse werden auch in das noch junge Gebiet der Astroteilchenphysik miteinfliessen. Die mikroskopische Welt der Moleküle, Atome und Quarks trifft auf die makroskopische Welt der Planeten, Sterne und Galaxien. Der Kreis ist dabei sich zu schliessen.


Das Unverständlichste am Universum ist im Grunde, daß wir es verstehen können. Albert Einstein



Das LHC-Projekt

Der Large Hadron Collider (zu Deutsch; Grosser Hadronen Speicherring) ist ein knapp 27 Kilometer langer Teilchenbeschleuniger des europäischen Kernforschungszentrum CERN bei Genf, in der Schweiz. Der LHC beschleunigt Hadronen (wie z.B. Protonen) auf beinahe Lichtgeschwindigkeit und bringt diese an vier Stellen zum Zusammenstoß. An diesen vier Kollisionspunkten befinden sich Detektoren (ATLAS, CMS, LHCb, ALICE, TOTEM, LHCf) um die Wechselwirkungen der entstehenden Teilchenschauer zu untersuchen.
Der LHC Speicherring wurde in dem ca. 27 Kilometer langen Tunnel errichtet, in welchem sich bis zum Jahr 2000 der Beschleuniger LEP (Large Electron-Positron Collider) befand. Der Tunnel verläuft unter der schweiz-französischen Grenze, in einer Tiefe von 50 bis 175 Metern, wobei sich der Grossteil der Anlage auf französischem Staatsgebiet befindet.


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Das CERN Gelände bei Genf und die Lage des LHC Speicherringes (roter Kreis) Quelle: CERN


Animation LHC Quelle: CERN



Protonenmodus und Blei-Ionenmodus

Der LHC wurde für zwei Betriebsmoden ausgelegt. Zum einen können einfach, positiv geladene Protonen und zum anderen, 82-fach, positiv geladene Bleiionen beschleunigt werden. Eine Protonenfüllung besteht dabei aus 2808 Protonenpaketen (115 Milliarden Protonen pro Paket), eine Füllung mit Bleiionen aus 592 Paketen (70 Millionen Ionen pro Paket). Die Teilchenpakete werden, je nach Experiment, am Kollisionspunkt auf bis zu 16 µm im Durchmesser (Durchmesser eines menschlichen Haares: 50 µm) und einer Länge von 8 cm fokussiert. Dabei kommt es im Schnitt zu 20 Kollisionen, pro Kreuzung zweier Teilchenpakete. Mit einer maximalen Beschleunigung der Protonen auf 7 Billionen Elektronenvolt und 2.76 Billionen Elektronenvolt der Blei-Ionen, wird der LHC für eine lange Zeit der leistungsfähigste Teilchenbeschleuniger der Welt sein.


Luminosität

Eines der Leistungsmerkmale des LHC ist seine hohe Luminosität von 1034 cm-2 s-1. Die Luminosität ist ein Mass für die Teilchenstrahldichte in Bezug zur Kollisionsfrequenz. Die Luminosität steigt mit der Zahl der Teilchen pro Teilchenpaket (Bunch), der Häufigkeit (Frequenz) mit der die Teilchenpakete zusammentreffen und dem Kehrwert des Strahlquerschnittes.

Nach einigen Jahren Laufzeit wird der LHC zum Super-LHC (SLHC) optimiert werden. Dabei wird die Luminosität des Beschleunigers erhöht um die Statistik der Experimente zu verbessern. Die Erhöhung der Luminosität ist in mehreren Stufen auf das 10-fache des ursprünglichen Wertes (also von 1034 auf 1035 cm-2 s-1) geplant. Da dies zu einer stärkeren Belastung der Detektoren führen wird, ist der Einbau neuer Detektorbestandteile, mit gesteigerter Strahlenresistenz und erhöhter Granularität (Anzahl Detektorpixel pro Fläche) geplant.


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Simulation der Teilchenschauerdichte im Detektor bei unterschiedlicher Luminosität



Magnetstrukturen

Um die Leistung des LHC's zu erreichen, mussten unzählige neue Technologien eingesetzt werden. Die wichtigste Komponente stellt dabei die Beschleunigung und Kontrolle der Teilchen mittels supraleitenden Magneten dar. Dafür musste das weltgrösste Kühlsystem errichtet werden, das durch rund 140 Tonnen flüssigem Helium gespeist wird. Nur durch diese supraleitfähigen Strukturen konnte das LHC-Projekt in einem finanziell vertretbaren Rahmen überhaupt erst realisiert werden. Würden normalleitende Magnete eingesetzt, so müsste der Ring bei gleicher Leistung einen Umfang von mindestens 120 km haben und würde ca. 40 mal mehr Strom verbrauchen.


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Supraleitender Dipolmagnet Quelle: CERN


Energieverbrauch

Der Energieverbrauch des gesamten LHC-Projekts liegt bei ca. 1000 Gigawattstunden, was rund einem zehntel des Energieverbrauchs des Kanton Genf, mit 450000 Einwohnern entspricht. Da die Strompreise aufgrund des erhöhten Heiz- und Lichtbedarfs der Bevölkerung im Winter erheblich höher ausfallen als im Sommer, wird der LHC Betrieb während dieser Zeit üblicherweise eingestellt. Dieser jährliche Wintershutdown dauert jeweils von November bis Mai.



Datenverarbeitung


Eine weitere technische Höchstleistung wurde durch das Worldwide LHC Computing Grid (WLCG) realisiert. Durch die Detektion der Teilchenschauer wird pro Jahr eine Datenmenge von 15 Petabytes (=15 Millionen Gigabytes) generiert. Durch die Vernetzung von tausenden Computern wird das WLCG diese anfallenden Datenmengen speichern, verwalten und miteinander verarbeiten können.



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Computerfarm des Computerzentrums von CERN Quelle: CERN